Willkommen bei Benedikt Eichhorn, dem Menschen.

1962
Kennedy besucht Berlin. Chruschtschow besucht Berlin. Eichhorn wird geboren in Coesfeld. Sein Bruder hat von der Geburt nur in Erinnerung, dass beim Verlassen des Krankenhausparkplatzes der Sprit beim Käfer alle war.
1965
Eichhorn stopft sich den Mund mit Nähnadeln voll, weil er es so bei der nähenden Tante Käte gesehen hat. Zieht auch durch andere Aktionen Aufmerksamkeit auf sich. Gilt als normal und gut gelaunt.
1968
Studentenrevolte in Berlin. Einschulung in Coesfeld. Eichhorn schwimmt mit auf der Welle des Babybooms der 60er. Er teilt sich die Aufmerksamkeit der Lehrerin mit 43 Mitschülern. Schreibt Aufsätze. Stellt Schlachten nach, im wesentlichen Hastings, Leipzig, Kursk.
1970
Klavierunterricht bei Elly Kochen, Enkelschülerin von Elly Ney. So gesehen ist Eichhorn ein Urenkelschüler von Elly Ney.
1971
Komponiert. C / Am / F / G – er hämmert die Kadenz stundenlang. Das Klavier in seinem elterlichen Wohnzimmer gilt als laut.
1972
Eichhorns Talente werden gezielt gefördert durch den Wechsel auf das Gymnasium Nepomucenum. Klebt Wahlplakate für Rainer Barzel.
1975
Eichhorn spielt einen betrunkenen Autofahrer in einem Sketch im Rahmen des Französischunterrichts. Lässt bei einem Klavierklassenvorspiel den Deckel des Flügels runterkrachen. Sieht auf dem Schulhof der Mädchenrealschule engelsgleiche Wesen mit Vornamen wie Ingrid, Petra, Marita, Elke, noch mal Elke.
1977
Die einen gehen ins Schwimmbad, er freut sich, dass er frei hat.
Liest, obwohl die Sonne so schön scheint. Entdeckt im Eigenstudium die Wirkung der None. Berauscht sich an ihrer Wirkung. Ankauf eines 18 Kilo schweren Keyboards mit Strings, Organ und hilflosem Piano. Erste Band „Kiekeböh“. Viele Proben, kein Auftritt.
Zweite Band: Pagadabata (die Konsonanten entsprechen den Anfangsbuchstaben der Instrumente der Mitspieler. Das T steht für Trompete). Viele Proben, 3 Auftritte. Besuch von Aufführungen und Proben der Theatergruppe „Rote Grütze“ in Berlin. Prägender Eindruck. Besuch in Ostberlin. Prägender Eindruck.
Kabarettprogramm in der Schultheatergruppe. Grandiose Erfahrung. Berufswunsch: Beatle. Privater Klavierunterricht und Bandproben im Kinderkeller des Elternhauses bei Heiner Klein-Johann.
1980
Entdeckung der Midischnittstelle in Kalifornien. Ankauf eines Fender Rhodes (60 Kilo) und eines Roland Jazz Chorus 120.
1981
Abitur. Eichhorn gilt als extrovertiert, aber kommunikativ. Eine tolle Mischung. Die Eltern sorgen sich, denn der Sohn gibt in der Berufsberatung des Arbeitsamtes als Berufswunsch an: Rockstar. Erhält Adressen von Tonstudios aus dem westlichen Münsterland. Bespricht deren Anrufbeantworter. Die rufen nicht zurück. Eichhorn wartet ab. Er möchte entdeckt werden. Weißt nicht von wem. Umzug nach Münster, Studium an der Westfälischen Wilhelms-Universität. Verliebt sich in eine Diplompädagogin, die heute Psychotherapeuten coached.
Fährt auf dem Hof Debbing in Tungerloh-Pröbsting bei der Maisernte tagelang jeweils bis zu 16 Stunden lang Trecker.
1982
Wie in den Folgejahren Besuch der Berlinale in Berlin. Die Stadt ist unglaublich kalt, groß und hat offenbar kaum Tageslicht. Studium in Essen, das ist nicht so weit weg von Coesfeld. Eichhorn bezieht ein hellhöriges Zimmer im Studentenwohnheim in Essen - Borbeck. v
1983
Kulturreferent des Asta. Regelmäßige Heimfahrten zu Proben mit SD Magazine, Angry Young Men und Adele. Kaum Auftritte, viele Proben. Ankauf eines CP-70 Yamaha E-Flügel, 2 Teile a 65 Kilo.
1984
Studentische Theatergruppe „Spocks Mordlust“. Viele Proben, 2 Auftritte. Eichhorn finanziert sich durch Direktsubventionen der Eltern, Klavierspiel während Ballettunterricht an der Folkwangmusikschule und das Ausfahren von Plastikfolien. Die WG schenkt ihm Bücher wie „Kochen für Singles“, „Kochen für Junggesellen“ etc.
1985
Eichhorn entdeckt die Kreuz11. Spielt Fakejazz mit Kommilitonen. Möchte Rocktheater Nachtschicht nacheifern. Scheitert. Viele Proben, kaum Auftritte. Mittwochs Vorlesung Neue Musik bei Prof. Albert Heindrichs. Aber schon um 8h c.t. Schwer zu schaffen, aber die Querflötistin aus Düsseldorf sitzt mit im Seminar. Erstmaliges Hören von Schönbergs „Verklärte Nacht“.
1986
Experimentiert mit Quartenschichtungen, hört bis zu 8 Minuten in einen Moll 7/ 9er rein. Fährt in diesen Jahren im Peugeot 204 nach Portugal, im Renault 16 nach Griechenland, im Opel Ascona nach Somerset, im Passat in die Karpaten. Ankauf eines Prophet 600, der erste Synthesizer mit Midischnittstelle.
1987
Ankauf eines Atari ST 1040 mit monochromem Monitor SM124 bei einer Auflösung von 640×400 Bildpunkten bei 70 Hz Bildwiederholfrequenz. Das Gerät hat eine Midischnittstelle. Wahnsinn. Synchronisierbar mit einer Fostex A 80, seiner 8-Spur – Bandmaschine und dem Prophet! Eichhorn verbringt die Nächte an diesen Geräten. Gefrühstückt wird in der Mensa. Er studiert Lehramt Geschichte und Musik, Sek I und II. Die Themen seiner Referate: Räuberbanden in der Frühen Neuzeit, Innenpolitik Bismarcks, wirtschaftliche Hintergründe der Blitzkriegstrategie. Er analysiert die Arie der Pamina als weiteres Beispiel für das Kontrastprinzip in der Musik Mozarts. Daneben noch: Ensembleleitung, Tonsatz, Gehörbildung. Er hat mittlerweile über 25.000DM für Musikelektronik ausgegeben, DX 7, D 50, Yamaha Rev 7 usw.
1988
Werbung ist hip. Eichhorn arbeitet ein halbes Jahr als Texter in der Düsseldorfer Werbeagentur TBWA. Entwickelt TV-Spots für Vademecum naturel. Claim: mit „Kräuterschutz vor Zahnfleischbluten“. Er vertont den Claim. Nicht einfach. Textet einen Prospekt für Flachglas und einen für Telefonanschlußtechnik. Er lässt den Ausflug in die Werbewelt sein und besinnt sich aufs Examen. Ankauf eines Akai S 1000.
1989
Ankauf eines DAT-Recorders. Die Mauer fällt. Eichhorn sitzt vor der Glotze und heult. Dann analysiert er weiter „Musik in der Fernsehwerbung“, das Thema seiner Staatsarbeit. 1. Staatsexamen. Er entdeckt Holländer und Weill. Ist mit dem Song „Loser“ auf dem Sampler „Made in Essen“ der Sparkasse Essen vertreten.
1990
Eichhorn haust seit 6 Jahren in einem Essener Altbau mit Kohleofen und Toilette auf halber Treppe auf 36m2. Er mietet die Nachbarwohnung an und legt die zwei Wohnungen zusammen durch einen mit dem Vermieter nicht besprochenen Durchbruch. Samstag nachmittags wird mit Freunden eine Wand weggehauen. Er unterschätzt den Baustaub. Montiert selbständig einen neuen Wasserhahn, aber ohne das Gewinde mit Rosshaar abzudichten. Er lernt den Vermieter kennen. Verliebt sich einseitig in eine Blonde, die heute Geschichtsprofessorin ist und nichts davon weiß.
1991
Auftritte mit Tina Teubner in Kneipen und Hotels. Sie entdecken Chansons der 20er und 30er, sind begeistert.
1992
Dann der wesentlich Schritt: Übersiedlung nach Berlin. Zunächst nur für ein halbes Jahr. Er kennt in dieser großen Stadt kaum jemanden, bewirbt sich auf jede Anzeige in Tip und Zitty. „Rockband sucht Keyboarder“, „Transe sucht Begleiter“, „Diva sucht Pianisten“. Daher die Textzeile: „Ich hatte sie alle“ in „Der Begleiter“ aus Volumen 6. Sucht sich an den langen Wochenenden eine Straße aus und fährt immer geradeaus, bis es nicht mehr geht. Landet so z.B. in Slubice oder Beelitz.
Eichhorn bespielt Audiokassetten mit selbst getexteten und komponierten Werbejingles und beschickt alle Werbeagenturen, die er in den Telefonbüchern auf der Post findet. Wenig Response. Seine Kommilitonin aus Essen Susanne Betancor macht ihn mit Thomas Pigor bekannt. Eichhorn stellt sich vor als Popproduzent, der einen Texter sucht und bietet Pigor an, seine Texte zu vertonen und als Popsongs groß rauszubringen. Der lässt sich darauf ein.
Dann das erste Engagement: Das College of Hearts bietet ihm an, bei der Show „Ergüsse“ Klavier zu spielen. Bei den Proben stellen sie fest, dass sie einen Moderatoren brauchen, der die verschiedenen Szenen irgendwie zusammen führt. Das macht Eichhorn und entwickelt sich zum sprechenden Pianisten.
1993
Eichhorn komponiert unaufgefordert zwei Vorschläge für Ttitelmusiken für die Fernsehserie „Rex“. Fährt nach Hamburg, um die Audiokassette persönlich vorbei zu bringen. Das Gespräch dauert 140 Sekunden. Aber sie sind freundlich. Von verschiedenen Verlagen werden die Songs von Pigor und Eichhorn abgelehnt als zu kabarettistisch und zu wenig poppig. Die beiden treffen notgedrungen eine Entscheidung: Sie müssen sie aufführen. „Ergüsse“ ist vorbei, das Geld wird knapp. Eichhorn bewirbt sich bei der Senatsverwaltung für das Referendariat. Unterrichtet an verschiedenen Berliner Gymnasien. Hellenismus, Einführung ins Dur-Mollsystem, Volksgemeinschaft im Dritten Reich.
Abends in den Berliner Untergrund: In den Club existentialste neben dem Bunker Reinhardstraße, ins alte Schlot in einem zweiten Hinterhof in der Kastanienallee, in Tanjas Nachtcafé in der Kalkscheune. In diesen Mixshows finden Pigor und Eichhorn ihre Figuren. Eichhorn sitzt im Café Paz in einer Vorstellung von „Dr. Seltsam´s Frühschoppen“, hält die Vortragenden für Ostdeutsche und ist hin und weg. Lernt Evers kennen.
1994
Zweite Produktion des College of Hearts: „Lothar, ich liebe dich“. Abbruch der Beamtenperspektive. Eichhorn spielt einen jugendlichen Liebhaber, der Klavier spielen kann. Er ist begeistert. Er kommt langsam an in Berlin. „Peitsche, Petting und Ekstase“ mit Jockel Tschiersch und Gabi Rothmüller. „Hot line“ mit Irene Rindje. Es wird getoured. Genau das, was der junge Eichhorn immer wollte.
1995
Premiere des ersten Abendprogramms mit Pigor im BKA in Berlin. Unverstärkt. In den Flügelboden stopfen sie Handtücher, um ihn leiser zu machen. Ein Jahr später finden sie diese Handtücher immer noch.
1996
Eichhorn verliebt sich in eine ostdeutsche Bauingenieurin. Gibt den „Officer Eichhorn“ in der Show „Unendliche Weiten – die Enterprise – Comedy – Show“.1996 Ankauf eins Akai 3000 XL.
Pigor und Eichhorn treffen den Produzenten von Nina Hagen. Sie wollen eine CD aufnehmen. Der lernt die beiden kennen und kommt zu dem Schluss: „Leute, macht keine Popmusik. Das ist ein kurzlebiges Geschäft. Da steigt man mal kurz hoch und dann geht’s wieder runter. Anstrengend. Macht eure Kleinkunst, da werdet ihr nicht Millionäre aber habt einen lang anhaltenden Erfolg. Wenn´s gut läuft. Bleibt bei eurer Kleinkunst. Habt ein schönes Leben“. Guter Mann. Es läuft gut.
1997
Volumen 2 von Pigor und Eichhorn. Sehr erfolgreich. Evers und Eichhorn machen ein Programm. Titel: „Bumm“.
1998
„Bezirkslieder“. Eichhorn begleitet Evers am Klavier. Er beginnt trotz Widerstand zu berlinern.
1999
Volumen 3 von Pigor und Eichhorn. Endlich Proben und viele Auftritte. Eichhorn komponiert Theatermusiken und Songs für das Theater Strahl, das Kommödchen, das Kabarett Zweidrittel, die Kibitzensteiner, Wurfsendungen, Irmgard Knef.
2001
Er trifft die Frau seines Lebens. Viele Programme mit Pigor, Auftritte, Auftritte, Auftritte. Komponiert Theatermusiken und Musicals.
2015
Er sagt: „Hätte man mir als jungem Burschen 1981 gesagt, wie es so kommt – ich wäre begeistert gewesen.“
2017
Seine Darstellung des „Steppke“ in der Operette „Frau Luna“ im Tipi in Berlin begeistert die Großstadt.
2018
Die Schatten der Vergangenheit holen ihn ein: die Universität Essen bietet ihm eine Gastprofessur zum Thema „Wo Tonsatz nicht greift – warum klassische Analysekriterien die Wirkung von Popmusik nicht erklären können “ an.
2019
Erneuter Musicalerfolg mit „Gehampel Never Stopps – das Space Musical“
2021 -
2026
Die „Dunklen Jahre“. Eichhorn ist verschwunden. Lehnt nach seinem Wiedereintritt in die Öffentlichkeit jeden Kommentar dazu ab. Evers behauptet, Eichhorn würde mit Zeitreisen experimentieren. Kann es nicht belegen.
2028
Erneuter Musicalerfolg mit „Gods“. Obwohl auf hohem intellektuellen Niveau der Sinn von Religion diskutiert wird, erreicht das Video des Songs „My God? Your God? Our God!“, dass die monotheistischen Religionen sich auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen und zu einer Pax Benedicti aufrufen.
2032
Eichhorn lehnt das Angebot Papst zu werden ab mit Verweis auf die Proben zu Volumen 16 mit Pigor. Ihm zuliebe wird das Zölibat abgeschafft und der Ablasshandel wieder eingeführt, er bleibt stur.
2037
Sein Buch „Wahn und Wirklichkeit“ über die Zeit mit Pigor wird auch wegen der erotischen Miniaturen ein Bestseller.
2042
Eichhorn macht den Raketenführerschein und zieht mit seiner Familie ins All. Entdeckt eine neue Lebensform und benennt sie „Marshörnchen“.
2043
Seine DNA wird gespeichert, damit man ihn für den Fall seines Ablebens rekonstruieren kann.
2044
Um dem Rummel um seine Person zu entgehen stellt er Klone von sich an Berliner Sehenswürdigkeiten auf und mischt sich immer wieder neben sie.
2050
Der Rummel um die Klone nimmt überhand, es ist nicht mehr feststellbar, welcher von diesen vielen Eichhörnern der Echte ist.
2051
Die Klone sagen: „Hätte man uns als jungen Burschen Anfang des 21. Jahrhunderts gesagt, wie es so kommt – wir wären begeistert gewesen!“
2052
Eichhorn gilt als Pionier der modernen Zeitreise, nimmt als erster Mensch öffentlich einen Anruf von sich selbst aus der Zukunft entgegen.